Offene Tür
Neuanfang Leben

Behandlungsverlauf

  • Individualisierte mittelfristige Behandlung

    Die Therapie in der mittelfristigen Behandlung beginnt mit der verwaltungstechnischen Aufnahme, therapeutischem Aufnahmegespräch und ärztlicher Aufnahmeuntersuchung. Es erfolgen Berufs- und Arbeitsanamnese sowie psychiatrisches Aufnahmegespräch. Am Ende des Aufnahmetages steht eine Hausführung.

    Nach anfänglicher Testdiagnostik erfolgt die Entscheidung, von welcher der 8 Therapiegruppen der Patient mit seinen individuellen Erfordernissen am besten profitieren kann.

    Eine große Bedeutung bei der Entscheidung, in welche Therapiegruppe der Patient behandelt wird, kommt auch der Zusammensetzung des Mitarbeiterteams zu. Nach unseren Erfahrungen spielen nicht nur die beruflichen Qualifikationen, sondern insbesondere die Persönlichkeit der Therapeuten-/innen eine wesentliche Rolle, die im Entscheidungsprozess Berücksichtigung findet.

    Alle Therapiegruppen sind offen, d.h., sie entlassen einzelne Patienten und integrieren fortwährend neue. Hierdurch besteht die Möglichkeit, dass Patienten sich aus unterschiedlichen therapeutischen Entwicklungsstadien heraus immer wieder mit Erfahrungen und Zielentwürfen konfrontieren können. Durch das Hinzukommen immer wieder neuer Gruppenmitglieder ist zudem ein nur einmaliges Abhandeln und Erledigen von zentral wichtigen Inhalten nicht möglich. Jeder Patient gerät in einer Spiralbewegung wiederholt an diese Themen und kann seinen Entwicklungsgang an seinem Umgang damit messen.

    Durch die Bedingungen des stationären Settings (ständige Erreichbarkeit der therapeutischen Mitarbeiter, enge Patientengemeinschaft) gelingt es, belastende Problembereiche des Patienten intensiv zu bearbeiten. Jede Therapiegruppe hat einen Bezugstherapeuten und einen Co-Therapeuten.

    Der ätiologisch ausgerichteten Sozialdiagnostik folgt in allen Gruppen der mittelfristigen Behandlung die Erarbeitung der Therapieziele und der Therapieplanung mit dem Patienten zusammen. Neben dem halb standardisierten Explorationsgespräch kommen testpsychologische Erhebungen zur Anwendung. Mit dem PREDI (psychosoziales ressourcenorientiertes Diagnostiksystem) wird ein modular aufgebautes therapieschulenübergreifendes Diagnostiksystem eingesetzt, dass zehn Lebensbereiche anhand der Aspekte Problembeurteilung, Ressourcenbeurteilung und Veränderungswunsch des Patienten einschätzt.

    In allen Gruppen der mittelfristigen Behandlung wird die Auseinandersetzung mit der Krankheit initiiert (mit Durcharbeitung der Krankheitsphasen entsprechend dem Jellinek`schen Suchtmodell), ebenso die ausführliche Reflexion der eigenen Lebensgeschichte in begleitenden Einzelgesprächen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Schwerpunktverschiebung bei den Lebensinhalten und auf der Neuorientierung der Lebensgestaltung durch Erarbeitung neuer Zielsetzungen.

    Die besondere Bedeutung des Familiensystems zur Aufrechterhaltung des Suchtverhaltens ist hinlänglich bekannt (Bertling, 1993). In angehörigentherapeutischen Gesprächen mit Bezugs- und Co-Therapeuten zusammen identifizieren wir die Familienstruktur und wichtige Aspekte des Lebensentwurfs der Familie. Bereits im Aufnahmegespräch ist die Einbeziehung der engsten Bezugspersonen erwünscht. In der Regel finden mindestens zwei Familiengespräche im Laufe der Behandlung statt.

    Der Behandlungsverlauf erfolgt nicht linear und ist zeitweise durch Sprünge oder Rückschritte gekennzeichnet. Zur Prozesskontrolle erfolgen wöchentliche Fallbesprechungen und vierwöchentlich eine Chefarztvisite.

    Darüber hinaus wird der Grad der Erreichung der vereinbarten Therapieziele in regelmäßigen Verlaufseinschätzungen durch den Patienten, seine Therapiegruppe und den Therapeuten mit einer Skala eingeschätzt. Die Ergebnisse bestätigen entweder den Therapieverlauf oder sind Anlass für Korrekturen bis hin zur Veränderung, Reduzierung oder Erweiterung von Therapiezielen.

    Punktuell werden Videoaufzeichnungen in der Bezugsgruppe, in den indikativen Gruppen und in Einzelgesprächen eingesetzt. Der Patient nimmt eigene Konflikt- und Kommunikationsmuster wahr, was sein Selbstbild verändert und bislang nicht geschätzte Stärken und Ressourcen verdeutlicht. Den Therapeuten dient das Medium auch zur Reflexion des Therapieprozesses.

    Die Zeitpunkte für die jeweiligen therapeutischen Maßnahmen innerhalb der Behandlung werden mit abgewogen und je nach alkoholischen Abwehrtendenzen oder nach Einfluss enger Bezugspersonen variiert. Ein zu frühes Einbeziehen von Bezugspersonen in den Therapieprozess kann der Idee und Notwendigkeit von Selbstständigkeit entgegenlaufen, ein zu spätes Einbeziehen kann verhindern, dass die Angehörigen die in der Therapie ereichten Schritte nachvollziehen und den Patienten in seiner früheren Rolle fixieren wollen.

    Die Förderung der jeweils eigenen Möglichkeiten und Ressourcen erfolgt auch im Rahmen unserer indikationsgeleiteten Arbeitstherapie. Arbeitstherapeutische Befunderhebung, Ergebnisse aus Differenzialdiagnostik, Testdiagnostik sowie im Bedarfsfalle durchgeführter Leistungstestung (HAWIE, IST 70, Benton-Test, sprechfreier SPM-Test von Raven) dienen zusammen mit psychiatrischen, neurologischen und internistischen Befunden der Erarbeitung eines individuellen Profils beruflicher Einsatz- und Leistungsfähigkeit.

    Für arbeitslose oder lange erwerbsunfähig kranke Patienten ist es notwendig, sie durch gezielte Arbeitstherapie und Arbeitserprobungen in der Klinik als auch in externen Praktika auf die Berufstätigkeit hinzuführen, unter Umständen sogar eine berufliche Neuorientierung einzuleiten. Es erfolgen in der Klinik regelmäßige Beratungen und Abstimmungen mit dem Reha-Berater der Rentenversicherungsträger und Kontakte zur Bundesagentur für Arbeit.

    Wochenendheimfahrten nach einem Drittel der geplanten Behandlungsdauer und Rehabilitationstage zu Hause werden inhaltlich mit jedem Patienten geplant, Rückfallgefahren und individuelle Problemsituationen bearbeitet. Wochenendheimfahrten bieten die Möglichkeit zu Überprüfung und Erprobung neuer Verhaltensweisen und ihren Wirkungen. Sie vermitteln ihm und den Angehörigen den Stand der Entwicklung und sich Themen für das angehörigentherapeutische Abschlussgespräch. Es dient der Bilanz der bisherigen Veränderungsprozesse ebenso wie der Vorbereitung auf zu erwartende Schwierigkeiten im gegenseitigen Anpassungsprozess nach der Behandlung.

  • Auffang- und Ergänzungsbehandlung

    Für die therapeutische Arbeit in der Auffangbehandlung eignen sich nach unserer Erfahrung besonders das ich-psychologische und das objektpsychologische Konzept.

    Ich- psychologische Ansätze gehen davon aus, dass der Suchtabhängige während der erfolgten Rückfälle versucht, sich mit Hilfe des Suchtmittels zu jenen Ich-Leistungen zu befähigen, die er ohne das Suchtmittel aufgrund von Störungen der Ich-Funktionen nicht erbringen konnte.

    Objekt-psychologische Ansätze betonen den Selbstzerstörungscharakter der Sucht. Es wird davon ausgegangen, dass bei Alkoholabhängigen häufiger das Ich-Ideal bzw. das Über-Ich besonders „rigide“ ist. Der Betroffene reagiert bei Rückfällen mit heftigster Aggressivität in Form von Selbstzerstörung durch massiven Alkoholmissbrauch. Hierbei handelt es sich dann um den Versuch einer auto-destruktiven Bewältigung vorhandener aggressiver Impulse. Das Suchtmittel kann für den Alkoholabhängigen auch als Objektersatz dienen. Diesen Aspekten ist durch das Betonen der positiven Ressourcen des Patienten zu begegnen. Rückfälle sind in ihrer Eigenart und Häufigkeit zu thematisieren. Auf dem Hintergrund der biografischen Entwicklung müssen neue Lösungsstrategien entwickelt werden.

    Von den psychoanalytisch-therapeutischen Settings ist die psychoanalytisch-interaktionelle Methode nach unserer Erfahrung für die Arbeit mit Suchtabhängigen am besten geeignet.

    Dieser Ansatz ist dadurch bestimmt, dass der Therapeut sich um die drei Grundeinstellungen, der Präsenz, des Respektes und der Akzeptanz bemüht, die wichtigsten Interventionsformen sind die Übernahme einer Hilfs-Ich-Funktion durch den Therapeuten, die Intervention des authentischen Antwortens und ein von Therapiezielen geleitetes Umgehen mit Affekten, die im Therapieprozess entstehen.

    Neben dem psychoanalytisch-interaktionellen Ansatz gewinnen aufgrund der Verkürzung der Behandlungsdauer für Auffangbehandlungen besonders auch verhaltenstherapeutische Konzepte verstärkt an Bedeutung.

    Ein gezielter Einsatz von therapeutischen Maßnahmen zur Rückfallprävention erfordert zunächst eine intensive Analyse des stattgefundenen Rückfallgeschehens. Für eine solche Analyse bieten sich zahlreiche, in den letzten Jahren entwickelte verhaltenstherapeutische und kognitive Konzepte an. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der kognitiv- lerntheoretische Ansatz von Marlatt, der mögliche Rückfallprozesse detailliert beschreibt und viele Anregungen zur Planung von rückfallpräventiven Maßnahmen ermöglicht.

    Bezüglich möglicher rückfallpräventiver Maßnahmen sind zwei Zieldimensionen zu differenzieren, die primäre und die sekundäre Rückfallprävention. Das Ziel der primären Rückfallprävention ist die Aufrechterhaltung der Abstinenz, Maßnahmen sind also auf die Verhinderung von Rückfällen und ihren Folgen ausgerichtet.

    Bei der sekundären Rückfallprävention steht die schnelle Wiederherstellung der Abstinenz im Vordergrund. Es sind also Maßnahmen notwendig, um bei schon eingetretenen Rückfällen deren Verlauf zu mildern und deren Dauer und Auswirkungen zu begrenzen.

  • Stof